Der Unfallbegriff

Von einem Unfall ist versicherungstechnisch dann die Rede, wenn der Versicherte „durch ein plötzlich von außen auf seinen Körper wirkendes Ereignis unfreiwillig eine Gesundheitsschädigung erleidet".

Im Einzelnen bedeutet dies:

  • plötzlich: Das Ereignis tritt innerhalb eines kurzen Zeitraums ein und war nicht vorhersehbar
  • von außen: Es können chemische, elektrische, mechanische oder Thermische Faktoren sein; der Schaden darf nicht von innen heraus ausgelöst werden, Ertrinken infolge eines Herzinfarkts wäre z. B. kein Unfall im Sinne des Unfallbegriffs
  • unfreiwillig: Freiwillige oder selbst herbeigeführte Schädigungen (z. B. Selbstverstümmelung) fallen nicht unter den Unfallbegriff im Sinne der Versicherungsbedingungen
  • Gesundheitsschädigung: Die körperliche oder geistige Unversehrtheit muss beeinträchtigt werden. Störungen infolge von psychischen Reaktionen (z. B. Albträume oder Panikzustände nach einem Beinahe-Unfall) gelten ebenfalls nicht als Unfall im Sinne der Definition

Welche Unfälle sind versichert?

Grundsätzlich sind in der privaten Unfallversicherung alle Arten von Unfällen (nach o. g. Definition des Unfallbegriffs) versichert. Und zwar unabhängig davon, ob sich der Unfall auf der Arbeit, in der Freizeit, im Urlaub (weltweit), Im Haushalt, beim Sport oder im Hobby ereignet.

Die private Absicherung gegen einen Unfall greift also immer und überall – ganz anders verhält es sich mit der gesetzlichen Unfallversicherung, die als Pflichtversicherung für alle Arbeitnehmer obligatorisch ist und vom Arbeitgeber bezahlt wird. Denn hier sind lediglich Arbeitsunfälle und Unfälle auf dem Arbeitsweg oder zur Ausbildungsstätte mitversichert. Zudem ist die Höhe der Absicherung in den meisten Fällen unzureichend.

Die Statistik zeigt, dass nur ein kleiner Teil der Unfälle bei der Arbeit passiert. Der Großteil hingegen passiert im Haushalt oder in der Freizeit. Erleidet man einen Arbeitsunfall, greift übrigens sowohl der gesetzliche Schutz als auch die private Absicherung. Eine Aufrechnung beider Leistungen erfolgt nicht.

Welche Leistungen erhält man?

Sinn und Zweck einer Unfallversicherung besteht darin, bleibende Folgeschäden (Invalidität) finanziell auszugleichen. Daher erfolgt eine Leistung nur dann, wenn auch tatsächlich ein Schaden zurückbleibt. Heilt ein Unfall folgenlos aus, z. B. ein Beinbruch nach einem Sportunfall, erfolgt keine Leistung aus der Unfallversicherung.

Dieser Leistungsbezug ist für den Versicherten auf den ersten Blick negativ, da nicht jeder Unfall automatisch eine finanzielle Entschädigung nach sich zieht. Andererseits führt die Begrenzung auf Unfälle mit bleibenden Schäden dazu, dass die Beiträge für die Unfallversicherung vergleichsweise günstig sind. Denn (zum Glück) kommen Unfälle mit bleibenden Schäden nicht allzu häufig vor.

Die Leistung aus einer Unfallversicherung erfolgt nach Abhängigkeit des Invaliditätsgrades in Form einer Einmalzahlung. Die Gliedertaxe gibt vor, für welche Körperteile welcher Invaliditätsgrad festgelegt wird. Der Verlust eines Daumens würde z. B. (je nach zugrunde liegender Gliedertaxe) mit 30 Prozent veranschlagt, der Verlust einer ganzen Hand mit 75 Prozent.

Um die Verhältnismäßigkeit zusätzlich zu unterstützen, kann man eine so genannte Progression in den Vertrag integrieren. Hierbei wird die Versicherungsleistung mit zunehmendem Invaliditätsgrad überproportional erhöht. Eine genaue Erklärung finden Sie im Abschnitt „Progression“.

Gliedertaxe

Die Leistung aus einer Unfallversicherung hängt in erster Linie davon ab, wie schwer ein Unfall bzw. die Folgen daraus sind. Um die bleibenden Schäden aus einem Unfall einheitlich definieren zu können, spricht man in diesem Zusammenhang von einem Invaliditätsgrad.

Die so genannte Gliedertaxe gibt vor, welcher Invaliditätsgrad vorliegt, wenn ein Verlust oder eine vollständige Funktionsunfähigkeit in Folge eines Unfalls vorliegt. Ist die Funktionsfähigkeit nur zum Teil eingeschränkt, wird ein entsprechender Anteil der Gliedertaxe für die Berechnung der Leistung zugrunde gelegt.

Aber auch bei der Gliedertaxe gibt es Unterschiede. Die Grafik zeigt die Invaliditätsgrade nach den Musterbedingungen für die Unfallversicherung des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Zum Teil gehen die zugrunde liegenden Invaliditätsgrade der Gesellschaften je nach Tarif aber auch darüber hinaus.

Die Invaliditätsgrade werden addiert, sofern mehrere Körperteile oder Sinnesorgane zugleich geschädigt sind. In Summe ist aber nur ein Invaliditätsgrad von 100 Prozent möglich. Darüber hinaus gibt es spezielle Gliedertaxen für bestimmte Berufszweige, z. B.:

  • Mediziner
  • Hebammen
  • Friseure
  • Sänger
  • Musiker

Die speziellen Gliedertaxen sichern besonders relevante Gliedmaßen (z. B. die Hand bei einem Chirurgen) besonders hoch ab, da der Verlust den Betroffenen aufgrund seiner beruflichen Tätigkeit besonders hart treffen würde.

Es empfiehlt sich, die zugrunde liegende Gliedertaxe bei einem Tarifvergleich als wichtiges Kriterium in den Vergleich mit einzubeziehen.

Versicherungssumme und Progression

Durch die Vereinbarung einer Progression steigt die Versicherungsleistung überproportional an, je höher der Invaliditätsgrad ausfällt. Der Grundgedanke liegt darin, dass die finanzielle Entschädigung überproportional höher ausfallen soll, je schlimmer die Folgen eines Unfalls sind. Und dies bei einer vergleichsweise geringen Versicherungssumme.

Am einfachsten lässt sich die Progression an konkreten Zahlen erklären. Bei einer vereinbarten Grundversicherungssumme von 100.000 Euro und 100% Invalidität ergeben sich folgende Entschädigungen:

  • Ohne Progression ergibt sich Auszahlung von 100.000 Euro
  • Eine vereinbarte Progression von 225% ergibt eine Auszahlung von 225.000 Euro
  • Eine vereinbarte Progression von 350% ergibt eine Auszahlung von 350.000 Euro
  • Eine vereinbarte Progression von 500% ergibt eine Auszahlung von 500.000 Euro
  • Eine vereinbarte Progression von 1.000% ergibt eine Auszahlung von 1.000.000 Euro

Jede Gesellschaft bietet ihren Kunden in der Regel verschieden hohe Progressionsstufen an. Häufig sind es die Stufen 225 Prozent, 350 Prozent sowie 500 Prozent. Natürlich können auch andere Progressionsstufen angeboten werden. Fachleute empfehlen, eine Unfallversicherung immer mit mindestens 350 Prozent Progression abzuschließen, besser noch mit 500 Prozent. Dies ist natürlich teurer, aber gerade bei einem hohen Invaliditätsgrad ist der finanzielle Bedarf ja auch überproportional höher als bei kleinen Unfallfolgen. Und letzten Endes sollte eine Unfallversicherung in erster Linie dazu dienen, schwere Unfälle mit gravierenden Folgen finanziell aufzufangen.

Die Versicherungssumme sollte zudem bei einem Erwachsenen bei mindestens 100.000 Euro liegen. Natürlich müssen hier (wie bei anderen Sparten auch) auch immer die persönlichen Lebensumstände beachtet werden. Was würde passieren, wenn die zu versichernde Person invalide wäre, nicht mehr arbeiten könnte und sogar gepflegt werden müsste? Bis zu welchem Grad könnte ggf. der Ehepartner den Einkommensausfall kompensieren? Oder reichen die Ersparnisse oder Mieteinnahmen, um die Kosten aufzufangen?

Diese Fragen sollte man klären, bevor man sich mit Versicherungssumme und Progression beschäftigt. Steht nur ein begrenztes Budget für die finanzielle Absicherung von Unfällen zur Verfügung, sollte man im Zweifel eine geringere Grundversicherungssumme zugunsten einer höheren Progressionsstufe wählen, damit die Entschädigung bei einer hohen Invalidität vergleichsweise höher ausfällt.

Bergungskosten

Diese Kosten bezeichnen die finanziellen Aufwendungen, die bei einem Unfall durch die Rettung des Unfallopfers entstehen. Hierzu zählen alle Kosten zur Suche, Rettung und Bergung, darüber hinaus auch den Transport zum nächsten Krankenhaus sowie den Rücktransport zum Heimatort, sofern hierfür spezielle Maßnahmen erforderlich sind.

Häufig hat man bei den Begriffen Opfersuche und Bergung Suchhunde und einen Rettungshubschrauber im Skigebiet vor Augen. Da kann man sich schnell vorstellen, dass eine solche Rettungsaktion sehr teuer werden kann. Grundsätzlich haben alle Unfalltarife Bergungskosten bis zu einem vergleichsweise kleineren Betrag (z. B. 30.000 Euro) in ihrer Grundabsicherung beitragsfrei mit eingeschlossen. Die meisten Anbieter bieten jedoch noch einen weiteren Tarif (Premium oder Exklusiv) an, wo deutlich höhere Zusatzleistungen vereinbart sind. Hier liegt die Grenze für Bergungskosten beispielsweise bei einer Millionen Euro oder eine Begrenzung wird sogar gänzlich aufgehoben.

Kosmetische Operationen

Sind Teile des Körpers oder des Gesichtes infolge eines Unfalls entstellt, ist in der Regel eine kosmetische Operation erforderlich, um das äußere Erscheinungsbild des Unfallopfers zu korrigieren. Da diese Eingriffe häufig allein kosmetische Bedeutung haben und nicht unbedingt medizinisch notwendig wären, verweigert die Krankenversicherung aus Kostengründen häufig die Zahlung dieser Behandlungen oder sie beschränkt sich auf geringe Zuschüsse.

Im Rahmen einer Unfallversicherung sind kosmetische Operationen fast immer im Leistungspaket enthalten. Entscheidend ist jedoch auch hier die Höhe. Basisabsicherungen sehen zum Beispiel häufig eine Erstattung bis maximal 10.000 Euro vor, Premium-Tarife erstatten beispielsweise 50.000 Euro oder sogar mehr.

Wichtiger Hinweis: Bei vielen Unfällen in der Freizeit oder beim Sport kommt es vergleichsweise oft zu Unfallschäden im vorderen Zahnbereich. Die Leistungen der gesetzlichen Krankenkassen sind gerade beim Zahnersatz jedoch häufig sehr gering und beschränken sich auf die einfachste Ausführung. Daher sollte man beim Abschluss einer Unfallversicherung darauf achten, dass auch Zahnersatzleistungen in den Bereich kosmetischer Operationen entfallen, da hier der Praxisbezug relativ häufig ist.

Unfallrente

Neben der vereinbarten Versicherungssumme als Einmalzahlung kann bei vielen Anbietern zusätzlich eine Unfallrente abgeschlossen werden. Diese greift in der Regel erst ab einem Invaliditätsgrad von 50 Prozent, bemessen anhand der Gliedertaxe. Eine vereinbarte Progression hat keinen Einfluss auf die Unfallrente, sie betrifft lediglich die Höhe der Einmalzahlung im Leistungsfall.

Die Zahlung der Unfallrente erfolgt monatlich, in der Regel bis ans Lebensende. Die Zahlung erfolgt unabhängig von der Einmalzahlung der Versicherungssumme aus der Unfallversicherung. Auch Leistungen eventueller Sozialversicherungsträger werden nicht gegen die Zahlung einer Unfallrente aufgerechnet.

Wichtiger Hinweis: Der Abschluss einer Unfallrente ist im Vergleich zur Unfallversicherung mit Einmalzahlung im Leistungsfall nicht oder nur bedingt zu empfehlen. Statistiken zeigen, dass es in weniger als vier Prozent der Unfälle mit Invaliditätsfolge zu einem Invaliditätsgrad oberhalb von 50 Prozent kommt. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass eine Unfallrente in 96 Prozent aller Fälle nicht leisten würde. Daher ist es ratsam, ggf. die Versicherungssumme und/ oder die Progression im Rahmen der Unfallversicherung aufzustocken, um im Falle eines folgenschweren Unfalls nicht leer auszugehen.

Weitere Zusatzleistungen

Reha-Management, Umschulungsmaßnahmen, Innovationsklausel oder Koma-Geld sind zusätzliche Leistungen, die verstärkt in Premium-Tarifen vorkommen. Welche dieser Leistungen als sinnvoll erachtet werden, sollte der Versicherungsnehmer selbst entscheiden. Vergleichen sollte man immer die Gesamtpakete. Denn eine Grundabsicherung der nackten Invaliditätsleistung ist und bleibt der Kern einer Unfallversicherung, um die finanziellen Folgen abzusichern. Sofern es das Budget zulässt, sollte man eine Aufstockung – zum Beispiel vom Basis- zum Premiumtarif – überdenken, da die Mehrkosten häufig aufs ganze Jahr gesehen relativ gering ausfallen.